Retrofit in 90 Minuten — eine alte Maschine ans MES anbinden, ohne Konzern-Budget
“Wir müssten neue Maschinen kaufen, bevor wir digital werden können.” Das ist der Satz, den ich oft am Anfang von KMU-Vorgesprächen hoere. Er ist falsch.
Eine Maschine aus 1995 kann genauso ans MES, wie eine aus 2025 — und meistens in 90 Minuten. Hier ist konkret, wie.
Was Sie brauchen
Pro Maschine ein STATECH-Sensor-Kit mit:
- ESP32-Edge-Knoten (Industrie-Variante, WLAN + Ethernet)
- 3-Achs-Vibrationssensor (MEMS, ±16g, 3.2 kHz Sampling)
- Strommesser (Shelly Pro 3EM, dreiphasig)
- 24V Hutschienen-Netzteil
- Magnethalter für Vibrationssensor
- Optional: Andon-Taster für Störungs-Klassifikation
Plus auf der Maschinen-Seite:
- 230V-Steckdose oder 24V-Hutschiene
- WLAN-Empfang oder LAN-Kabel zum nächsten Switch
- Erdung nach DIN VDE (Standard-Werks-Elektriker)
Gesamtkosten: 800-1.500 EUR pro Maschine (je nach Konfiguration).
Schritt 1: Sensor anbringen (20 Minuten)
Vibrationssensor wird magnetisch am Motorblock oder Spindel-Gehäuse angebracht. Idealer Ort: nah am Lager, in Achse zur Hauptrotation.
Strommesser-Klemmen kommen in den Schaltschrank an die L1/L2/L3-Phasen der Maschine. Bei modernen Maschinen mit Modbus-Ausgang entfällt das — die Daten kommen dann aus dem Inverter.
Was Sie nicht tun: Maschinen-Steuerung modifizieren. Der Sensor ist nicht-invasiv, die CE-Konformität bleibt erhalten.
Schritt 2: ESP32 verkabeln (30 Minuten)
ESP32 wird auf der Hutschiene im Schaltschrank befestigt. 24V vom Netzteil auf Vcc/GND. Sensor-Kabel auf I2C-Pins (SDA/SCL). Strommesser entweder per Modbus-RTU oder über dessen REST-API über WLAN.
WLAN konfigurieren über das STATECH-Provisioning-Tool (Web-Interface, das der ESP32 beim ersten Boot ausstrahlt). SSID + Pre-Shared-Key eingeben, fertig.
Tipp: Werks-IT vor Beginn fragen, ob ein eigenes IoT-VLAN gewuenscht ist. ESP32 unterstützt VLAN-Tagging.
Schritt 3: In STATECH koppeln (25 Minuten)
In der STATECH-Admin-UI:
- Neue Maschine anlegen mit Name, Typ, Aufstellungsort.
- ESP32-Seriennummer eingeben (auf dem Gerät aufgedruckt).
- Schwellwerte definieren: Was ist “Maschine läuft”, “Maschine steht”, “Vibration im Toleranzbereich”. STATECH gibt Standard-Schwellwerte basierend auf Maschinen-Typ, Sie passen an.
- Stillstandsgründe auswählen — die Liste, die der Werker am Andon-Taster und im BDE-Panel sieht.
Sobald gespeichert, sollte der ESP32 binnen 30 Sekunden die erste MQTT-Nachricht schicken — sichtbar in der Live-Status-Anzeige der Maschine.
Schritt 4: Live-Daten verifizieren (15 Minuten)
Im OEE-Dashboard die Maschine öffnen. Sie sollten sehen:
- Echtzeit-Vibrationskurve (sollte unterhalb der Warn-Schwelle liegen)
- Strom-Verlauf (Spitzen bei Lauf, Talsohle bei Stillstand)
- Stückzähler (falls Andon oder Zaehl-Lichtschranke verkabelt)
Sicht-Test mit der Schichtführung: “Schalten Sie die Maschine kurz ab — sehen wir den Stillstand in 15 Sekunden im Dashboard?”
Wenn ja: Maschine ist live. Wenn nicht: ESP32-Logs im Troubleshooting-Bereich prüfen (meist WLAN-Verbindungs-Issue).
Was Sie damit gewinnen
Die Maschine, die 30 Jahre alt ist, liefert jetzt:
- Verfügbarkeits-Daten auf die Sekunde genau
- Vibrations-Profil für Predictive-Maintenance
- Energie-Verbrauch pro Auftrag (mit Kosten-Korrelation)
- Stillstands-Klassifikation durch Andon-Taster oder BDE
Sie zahlen einmalig 800-1.500 EUR für die Hardware. Bei Konzern-MES-Anbietern liegt dieselbe Funktionalität bei 5.000-15.000 EUR pro Maschine — meist mit 3-Tages-Installation durch externe Spezialisten.
Was tun jetzt
Pilot-Maschine wählen — idealerweise die, die heute am unaufgeklärtesten ist (Stillstände oft, OEE unbekannt). Nach 4 Wochen Daten haben Sie eine Grundlage, ob das Modell skaliert.
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